Der Beruf des angestellten Polizisten stellt hohe Anforderungen an mich und meine Kollegen. Sind es zum einen gefährdete Objekte, an denen seit Jahren nichts passiert ist, Gefährdungslagen deshalb unerwartet und überraschend eintreten, zum anderen sind es Objekte, an denen es aufgrund der demografischen Lage häufig zu nicht objektbezogenen Zwischenfällen kommt. Auch, wenn wir außerhalb des zugewiesenen Bereichs sachlich nicht zuständig sind, können wir uns der Erwartung hilfesuchender Bürger nicht entziehen! Selbst im Rahmen mobiler Objektschutzstreifen während der Anfahrt zum Objekt sind wir als Polizei erkennbar, rechtlich allerdings nicht befugt, als Polizei zu agieren. Alltägliche Sachverhalte führen so zu Diskrepanzen und Konflikte mit Vorgesetzten. Speziell in solchen Situationen muss sich jeder Kollege zu jeder Zeit im Umgang mit Bürgern und speziellen Situationen über die jeweilige rechtliche Konsequenz bewusst sein. Persönliche Berufsauffassung, Erwartungen und gesellschaftliche Anforderungen an die Polizei führen so schnell an die eigene Belastbarkeit. Darüber hinaus stellt die strenge Disziplinierung ein immenses Belastungspotential dar. Nicht selten bedeuten Konflikte mit Vorgesetzten erhebliche psychosoziale Stressfaktoren. Grundsätzlich ist der ZOS keine Einsatzdienststelle, welche tagtäglich mit umfangreichen Einsatzszenarien zu tun hat, dennoch werden die Kollegen regelmäßig mit Beleidigungen, Bedrohungen, Suizid, Gewalt und Unfällen konfrontiert. Dies verlangt jedem Kollegen die höchste Beherrschung eigener, emotionaler, psychischer und seelischer Betroffenheit ab. Die alltägliche Arbeitssituation ist gekennzeichnet durch eine zunehmende Komplexität des Aufgabenfeldes, ständige Bewältigung von Konfliktsituationen und nicht vorhersehbaren Lagen. Begrenzte polizeiliche Befugnisse und Entscheidungsverantwortung aber auch unerwartet wechselnde Einsatzorte und der Einsatz im Schichtdienst bedeuten für eine nicht geringe Anzahl der Kollegen eine massive psychische und körperliche Belastung. Eine beträchtliche Stressursache und Grund für eine Überlastung können auch Negativerfahrungen in der Zusammenarbeit mit Kollegen und Vorgesetzten darstellen. Mangelnde Anerkennung, Lob, ein negatives Selbstbild, Benachteiligungen, dominantes, autoritäres Führungsverhalten, Ignoranz persönlicher oder organisatorischer Probleme führen zu Motivationsverlust, Isolation, Frustration und innerer Kündigung. Auch ein sozialer Anpassungsdruck und Umstände, die als Mobbing interpretiert werden,  stellen starke Belastungsfaktoren dar.

Die möglichen Folgen: Die persönliche Berufsidentität bröckelt und nimmt erheblichen Einfluss auf die Gesundheit. Sieht man sich – vor allem als Polizist – entgegen eigener Ideal- und Wertevorstellungen mit einem wenig wertschätzenden und anerkennenden Berufsbild in der Öffentlichkeit und in den eignen Reihen  konfrontiert, stellt sich zunehmend auch die Frage nach der Sinnhaftigkeit der eigenen Tätigkeit. Verstärken sich Diskrepanzerfahrungen darüber hinaus durch ein Auseinanderfallen eigener Berufsvorstellungen mit dem tatsächlichen häufig disziplinierenden, hierarchischen und nicht wertschätzenden Berufsalltag, kommt es nicht selten zu Sinn- und Bilanzkrisen. Die beruflichen Belastungen können auch im privaten Kreis der Beziehungen und Familie häufig zu erheblichen Anspannungen führen. Eine emotionale und psychische Überlastung schlägt sich in Form zunehmender Streitigkeiten, geringer Frustrationstoleranz, einem Rückzug aus ausgleichenden Freizeitaktivitäten und insgesamt weniger sozialem Engagement nieder. Beziehungstrennungen und Familienkonflikte sind dann häufiger zu beobachten. Zur Entlastung wird unbewusst zu Alkohol oder Tabletten gegriffen, eine Suchtentwicklung bahnt sich an. Selbst, wenn es nicht zu einer expliziten Sucht kommt, fordern übermäßiger Nikotin- und Alkoholkonsum früher oder später ihren Tribut. Einhergehend mit einschneidenden Veränderungen der Persönlichkeit kommt es zu einer nicht abschätzbaren  Gefahr in Hinblick  auf die Dauerwaffenträgereigenschaft. Im Idealfall stellen die betroffenen Kollegen Probleme und Veränderungen selbst fest und begeben sich daraufhin in ärztliche Behandlung. Die Kollegen, die keine subjektive Einschätzung vornehmen können und Warnsignale ihres Körpers ignorieren, werden wohl weiterhin Dienst versehen bis die sprichwörtliche „Sicherung“ durchknallt.

Würde? Integrität und Selbstachtung

Wir Polizeiangestellte sehen uns in einem wenig wertschätzenden und anerkennenden Arbeitsumfeld, dieses durch ein fehlendes faires Miteinander, mangelnde Unterstützung, Toleranz und Respekt geprägt ist. Konflikte werden nicht offen und ehrlich besprochen und noch seltener gelöst. Nicht selten hat man den Eindruck, dass Konflikte regelrecht ausgesessen werden.

Im Ergebnis nehmen die persönliche Integrität sowie die Selbstachtung eines jeden Mitarbeiters erheblichen Schaden.

Es ist sehr schwierig, die persönliche Integrität zu wahren. Integere Personen sind Menschen, die unbestechlich sind, die tiefe, fest verankerte positive Werte haben, zu denen sie stehen, von denen sie sich nicht abbringen lassen und konsequent danach handeln; Menschen, die sich selbst treu bleiben; Menschen, die „Rückgrat“ haben, denen man vertrauen kann, weil sie sich (ver)trauen; Menschen, die mit ihren Gefühlen in Kontakt sind und wissen, was rechtens ist; Menschen, die ihre Energie in Balance halten und selbst Verantwortung übernehmen; Vorbilder, die zeigen, dass man sehr wohl seinen Grundwerten treu bleiben kann und sich selbst trotz alledem oder gerade deshalb nicht fremd werden müssen, um durch das von einem Vorgesetzten fremdbestimmtes Leben zu dümpeln; Deren Leben ist nicht leichter, aber bewusster und besser; Menschen, die genau deshalb eine hohe Lebensqualität haben und Mut machen; Eine gesunde und praxisorientierte Mischung aus Fachwissen, Selbstreflexion, Einleitung von Bewusstwerdungsprozessen helfen dabei, die Ziele einer Gemeinschaft zu erreichen. GENAU diese integeren Kollegen werden diskriminiert und einem massiven sozialen Anpassungsdruck ausgesetzt.

Der Begriff „Integrität“ findet vor allem dann Verwendung, wenn darauf hingewiesen werden soll, dass die Persönlichkeit eines Menschen (Würde) seine Ganzheit und Unversehrtheit ein zerbrechliches Gut sei und gegen Angriffe von außen geschützt werden muss.

Integrität & Polizei

Damit das Ansehen in der Öffentlichkeit nicht geschädigt wird, sollten nicht zuletzt öffentliche Institutionen – wie die Polizei – darauf achten, dass die bei ihnen beschäftigten Personen „integer“ sind. Die Aufgabenerfüllung der Polizei im demokratischen Rechtsstaat erfordert nicht nur die genaue Kenntnis des Rechts, sondern auch ein Ethos der Rechtsbefolgung auf Seiten der einzelnen Kolleginnen/Kollegen. Dies beruht auf der Einsicht in die Werteordnung des GG und deren Sinnhaftigkeit. Für die polizeiliche Arbeit ist es deshalb von größter Bedeutung, dass die Kolleginnen/Kollegen vor allem aus eigener ethisch-moralischer Motivation richtig handeln und nicht lediglich aus dem Wunsch, Sanktionen zu vermeiden.

Verhalten Vorgesetzte

  • Dominantes, autoritäres Führungsverhalten
  • Mangelnde Anerkennung / Lob
  • Zielgerichtete Fehlersuche
  • Exempel werden statuiert
  • Fingierte Beschwerden
  • Keine Unterstützung
  • Keine sachliche Kritik
  • Keine fundierte Nachbereitung
  • Machtdemonstrationen
  • Fragwürdige Mitarbeiterkontrollen
  • Diffamierungen

Einzelne Bestandteile der o.a. Verhaltensweisen werden als Mobbing empfunden. Sofern der Betroffene dauerhaft im Focus steht und über die Dauer von mehr als 6 Monaten ähnliche Erfahrungen macht, sollte man dem Verdacht des Mobbings nachgehen.

Resultate

  • Kollegen sind irritiert bis verängstigt
  • Lieber nichts machen, bevor man was falsch macht
  • Fehlende Handlungssicherheit
  • Gespräche mit Vorgesetzten werden gescheut
  • Mangelnde Dienstausführung
  • Unzufriedenheit / Frustration / Isolation
  • Motivationsverlust
  • Ignoranz (Hülle abgeben u. Hülle abholen)
  • Fehlendes Interesse am Beruf

Daraus resultierend multiplizieren sich die Probleme. Jeder neue Sachverhalt wird aufgrund eigener Negativerfahrungen bewertet und entsprechend interpretiert. So entsteht quasi hausgemacht ein Konfliktpotenzial, welches kaum noch aufzuarbeiten ist. 

Nachteile

  • Ansehen der Polizei leidet
  • Kollegen leiden
  • Erhöhter Krankenstand
  • Schlechtes Betriebsklima
  • Ineffektiver Objektschutz
  • Negatives Verhältnis Mitarbeiter/Vorgesetzte

Gerade im Hinblick auf die gegenwärtige Sicherheitslage können wir uns einen ineffektiven Objektschutz nicht leisten!

Meine Verbesserungsvorschläge

  • Klare Ziele definieren
  • Offene sachliche Sofort-Kritik
  • Persönliche Ziele transparent kommunizieren
  • Aktive Konfliktbewältigung
  • Vorgesetzte aufgabenrelevant beschulen
  • Verbesserungsvorschläge annehmen
  • Mitarbeiter unterstützen
    • Handlungssicherheit schaffen
    • Eigenverantwortliches Handeln fördern
    • Fortbildungen unterstützen
  • In schwierigen Situationen nicht allein lassen
  • Mitarbeiter entsprechend Ihrer Fähigkeiten einsetzen
  • Teambildung akzeptieren, nicht unterbinden
  • Mitbestimmungs- u. Beteiligungsmöglichkeiten
  • Rechtlich fundierte Nachbereitung
    • Sachlich/örtliche Zuständigkeit?
    • Polizeiliches Ziel?
    • Maßnahmen?
    • Objektive Bewertung
    • Ziel erreicht?
    • Keine Negativaufzählung

Warum diese Art von Veröffentlichung?

Auch, wenn der Artikel von angestellten Polizisten handelt, so gehe ich davon aus, dass es den verbeamteten Kollegen nicht anders ergeht. Deshalb ist mein Ziel zum einen, Ähnlichkeiten festzustellen und zum anderen, möchte ich sensibilisieren und deutlich machen, unter welchen Umständen tagtäglich Dienst geleistet wird. Mir ist es aufgrund persönlicher Erfahrungen wichtig, den Kollegen, die leiden, Mut zu machen, egal, in welcher persönlichen Phase man sich gegenwärtig befindet. Es ist äußerst schwer, die emotionalen Anzeichen zu deuten und in zielgerichtete Handlungen umzuwandeln. In jedem Fall sollte sich die/der Betroffene vertrauensvoll an den Personalrat oder die Vertrauensperson wenden. Dieser Artikel soll Euch deutlich machen, dass Ihr nicht alleine seid.

Quelle:
GdP-Artikel / 3 – 2015 (Deutsche Polizei)
Autor:
Thomas Tegler

Artikel:
https://www.gdp.de/gdp/gdpber.nsf/id/DE_Deutsche-Polizei-2015/$file/B_GdP_3_15_s1-8_Internet.pdf
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https://www.gdp.de/gdp/gdpber.nsf/id/DE_Deutsche-Polizei-2015/$file/B_GdP_5_15_s1-12_Internet_NEU.pdf

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